
Elisabeth Niejahr
Journalistin der Zeit
WIR, DIE GENERATION SILBER VON MORGEN
Herzlichen Dank, Herr Riesenbeck, für die freundliche Begrüßung.
Verehrte Damen und Herren, bei der Vorbereitung für diesen Besuch stieß ich auf einen alten Cartoon aus einer Satirezeitschrift der 70er Jahre. Damals war das Schlagwort vom demographischen Wandel noch relativ neu, es war vom Pillenknick die Rede, manchmal von den aussterbenden Deutschen. Damals erschien dieser Cartoon, der die Folgen einer schrumpfenden Bevölkerung zeigen sollte, und zwar zeigte er eine Autobahn mit Hinweisschildern nach links und rechts, darauf waren allerdings keine Namen von Dörfern oder Städten zu sehen, sondern da ging es links zu Familie Müller, rechts zu Herrn Schulz und geradeaus zu Familie Schmidt. So hat der Zeichner damals versucht, diesen langsamen, sich schleichend vollziehenden Prozess darzustellen. Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen und das Schlagwort vom demographischen Wandel kommt so ziemlich in jeder Talkshow vor und auch in jeder Politikerrede. Die Debatte über den demographischen Wandel, über diesen Doppeltrend aus Bevölkerungsrückgang und Geburtenschwund, aus Alterung und Geburtenschwund, hat die Deutschen mit großer Verspätung und großer Wucht erfasst und inzwischen auch den Alltag der Menschen erreicht. Das zeigt sich z.B. daran, dass Kommunen inzwischen „Demographiebeauftragte“ einführen, ähnlich wie die Umwelt- oder Frauenbeauftragten in den 80er Jahren.
Ich glaube, dass das Altern, der Umgang mit dem Alter, dennoch ein merkwürdig abstraktes Phänomen geblieben ist. Ich bin sicher, die Folgen dieses Wandels haben wir bisher noch nicht erfasst. Woran liegt das? Wenn wir ehrlich sind, beschäftigen wir uns nicht wirklich gern mit dem Altern. Vom britischen Romancier Jonathan Swift stammt der Ausspruch: „Jeder will alt werden, keiner will alt sein“ und ich meine, das stimmt bis heute. Es gibt nicht mehr allzu viele Tabuthemen, aber das Alter gehört immer noch dazu. Das kennt jeder, beim eigenen Alter wird geschummelt, nach dem Alter von anderen fragt man nicht. Wer z.B. Produkte oder Dienstleistungen für Ältere anbietet, der kennt das Problem. Wer das Wort Senioren verwendet, z.B. mit Seniorenteller im Restaurant, der hat schon verloren, das kommt nicht an. Typisch ist auch der Mittsechziger, der eine Busreise ins Ausland bucht, dann in ein Fahrzeug voller Rentner steigt, sofort wieder rauskommt und sagt: „Da sind ja nur alte Leute!“ Oder der Mittsiebziger, der sich für den Bau von seniorengerechten Wohnungen in seiner Nachbarschaft engagiert, ohne auch nur eine Sekunde daran zu denken, da selbst einzuziehen.
Die Alten, das sind immer nur die anderen. Das zeigen auch Umfragen, nach denen sich fast alle Rentner und Pensionäre und auch diejenigen, die kurz vor dem Rentenalter stehen, meistens sehr viel jünger fühlen als sie sind. In der ZEIT haben wir kürzlich so eine Umfrage bei über 55-Jährigen veröffentlicht. Es stellte sich heraus, dass tatsächlich 72% der Befragten sich nicht nur jünger fühlen, sondern auch glauben, dass sie jünger aussehen, und zwar im Schnitt 8 Jahre. Das lässt sich in jedem Einzelfall als Zeichen von Vitalität und Lebensfreude deuten. Wenn es wirklich eine überwiegende Mehrheit eines Jahrgangs betrifft, ist es vielleicht doch eher auch ein Zeichen von einem, ich nenne es mal hart, kollektiven Realitätsverlust, denn es bedeutet doch, das Altern – das eigene, vielleicht auch das gesellschaftliche – wird verdrängt. Man sagt, nein, so wie die anderen 60-Jährigen bin ich nicht, und es scheint dann doch ein etwas ungewisses, unkonkretes Bild von den jungen Alten heute, wie sie sind, was sie für Kleidung tragen, was angemessen ist usw. zu geben.
Ich glaube, dass wir zunächst den Blick auf uns selber richten müssen, wenn wir dem demographischen Wandel angemessen begegnen wollen. Das Geburtsjahr wird in Zukunft sicher immer weniger darüber aussagen, ob ein Mensch attraktiv, gesund, innovativ, anregend usw. ist. Aber wir müssen schon mehr über das Alter wissen und dann vielleicht weniger Aufhebens davon machen. Wir sollten uns alle miteinander eines klarmachen, wenn wir über Demographie reden: Die Alten, das sind nicht die anderen, die Alten von heute, von morgen, vielleicht auch erst von übermorgen, das sind wir alle.
Wie wird sie also aussehen, die gealterte Gesellschaft?
Es ist klar, dass sich viel mehr ändern wird als nur die Höhe der Renten und das Gesundheitssystem, worüber vor allem in der Politik gestritten wird. Wir werden anders wohnen, anders reisen, anders Auto fahren, anders arbeiten, anders lieben und anders essen. Schulen und Universitäten werden sich umstellen und stärker als bisher Angebote für die jungen Alten finden müssen, auch für ältere Berufstätige. Die Verteilungsdebatte, der Konflikt zwischen arm und reich, wird sich mit der neuen Erbengeneration verschieben.
Es wird auch mehr Konflikte im Bereich der Außenpolitik geben. Das sind Themen, an die wir heute noch gar nicht denken, über die aber in den Vereinigten Staaten schon sehr viel gesprochen wird. Dort fragt man sich, wie es eigentlich mit den europäischen Verbündeten steht, wenn immer weniger Kinder geboren werden. Tatsächlich wird in amerikanischen Think Tanks gefragt: „Wie viele Leute werden in Deutschland eigentlich bereit sein, ihr einziges Kind in den Krieg zu schicken?“ oder: „Wird ein Land nicht viel mehr für Gesundheitsversorgung ausgeben als für die Armee?“ Das läuft so unter der Überschrift: „Guns or Wheelchairs?“, „Kanonen oder Rollstühle“. Ich erwähne es hier bewusst so schlagwortartig, um ein bisschen deutlich zu machen, welch breites Spektrum an Folgen der demographische Wandel haben kann, bis hin zum Schönheitsideal. Wobei ich es dabei besonders schwierig finde zu prognostizieren, wie das aussehen wird in der alternden Gesellschaft, ob wir dann alle graue Haare und Falten attraktiv finden oder ob man sich auf der Straße erst recht nach jungen Leuten umdreht, weil man sie so selten zu sehen bekommt.
Ich habe jedenfalls als Journalistin mich im In- und Ausland umgesehen, ich war in Florida, in Arizona in Rentnerkolonien, in Chile, in Finnland usw. und habe mit vielen Experten gesprochen. Ich möchte Ihnen aber hier nur einige zentrale Thesen dazu vorstellen, was ich glaube, was uns in der alternden Gesellschaft erwartet. Die erste These lautet, dass die Alterung fast alle Bereiche der Wirtschaft erfassen wird. In ungefähr 15 Jahren wird die Wirtschaft auf den Schultern der Älteren ruhen: älteren Arbeitnehmern, älteren Arbeitgebern, älteren Konsumenten. Man kann das ganz plakativ auf eine Formel bringen und sagen, „da werden dann irgendwann weniger Schaukelpferde als Schaukelstühle verkauft“ oder die Marketingabteilungen entdecken die Generation Golfplatz statt der Generation Golf, das ist ja jetzt schon der Fall. Man kann es auch ein bisschen abstrakter ausdrücken und sagen, die Demographiegewinner oder die Demographieverlierer werden die Globalisierungsgewinner sein und umgekehrt. Was soll das heißen?
These 1
Ich glaube, dass gerade die Branchen, die im Moment insofern ganz gut dastehen, weil die Globalisierung ihnen nicht schadet, z.B. diejenigen, die für den Binnenmarkt produzieren, vom Taxifahrer über den Friseur bis hin zu den Printmedien verlieren werden. Also auch Leute wie ich, die für den nationalen Markt schreiben und deswegen die Konkurrenz eines noch so intelligenten aktiven Chinesen nicht wirklich fürchten müssen, dass die besonders hart vom demographischen Wandel betroffen sind, weil nun ihr inländischer Markt schrumpft. Diejenigen dagegen, die heute besonders von der Globalisierung gebeutelt und betroffen sind, z.B. der viel zitierte VW-Facharbeiter am Fließband, der mit preiswerteren Kollegen im Ausland konkurriert, dass die aus der ganzen Demographieentwicklung vielleicht weniger geschädigt hervorgehen, weil sie eben die Chance haben, auf expandierende Märkte in jüngeren Gesellschaften ihre Produkte auszurichten.
Ich glaube, insgesamt können wir im Moment sagen, dass die gesamte Wirtschaft auf den demographischen Wandel nur teilweise vorbereitet ist. Sie alle wissen das. Herr Reidl wird dazu gleich noch viel sagen. Wir sind im Moment in einem Übergangsstadium und kein Bereich zeigt das besser als die Werbung.
Wir erinnern uns: Vor 5 – 10 Jahren wurden alte Menschen noch vorwiegend schwach und krank dargestellt, pflegebedürftig, im besten Fall also „freundliche Oma im Schaukelstuhl“. Ich finde, im Moment haben wir das andere Extrem: Wir sehen diese ganzen Fitten, Dynamischen, Weißhaarigen, immer beim Segeln, beim Reiten, auf dem Fahrrad usw. und es erscheinen in den Buchhandlungen Bücher mit den Überschriften wie „Fit in die Kiste“ oder „Turne bis zur Urne“. Ich glaube beides, das Bild von den kranken wie von den hyperdynamischen Alten, wird der Realität nicht wirklich gerecht.
These 2
Der demographische Wandel wird den Konflikt zwischen Arm und Reich nicht ersetzen, sondern verschärfen. In der aktuellen Debatte dominieren zwei völlig entgegengesetzte Szenarien. Und zwar lautet das eine Szenario – das ist eine Art Schreckensvision -, dass es eine mächtige Lobby gieriger alter Rentner geben wird, die im gealterten Deutschland höhere Ausgaben für Renten und Gesundheit erzwingen, und für Bildung und Forschung bleiben dann weniger Mittel übrig. Solche Investitionen zahlen sich erst in Zukunft aus, das interessiert die Alten nicht so sehr.
Zu diesem pessimistischen Szenario neigen – teilweise hinter vorgehaltener Hand – sehr viele Politiker. Man bekommt das, da ich in Berlin arbeite, sehr häufig zu hören, „wir müssen die Reform jetzt schnell machen, wir haben nur ein Zeitfenster von maximal 10 Jahren, sonst ist das in Deutschland alles nicht durchsetzbar.“
Im zweiten Szenario haben die Jungen die Macht. Sie sind zwar in der Minderheit, aber sie müssen das Geld für die Versorgung der Alten verdienen und können das notfalls auch verweigern. Zu dieser Sicht der Dinge neigt z.B. der Bestsellerautor und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher oder auch der bekannte Demographieexperte Meinhard Miegel. Schirrmacher schreibt in seinem Methusalem-Komplott, „wir werden uns in den Schutz der Jungen begeben“. Die Jungen sind weniger, aber sie sind stark. Es sind die Polizisten, die Bankbeamten, die Journalisten, Ärzte, Krankenschwestern usw., die sich auflehnen werden, wenn wir wirklich beabsichtigen, mit Hilfe unserer Wählerstimmen uns als ausbeutende Klasse über sie zu erheben und er warnt dann sogar: „Die Jungen von morgen werden den Darwinismus entdecken“.
Ich bin der Meinung, dadurch dass diese Gedankenspiele „Diktatur der Alten“ einerseits, „Diktatur der Jungen“ andererseits so wenig zusammenpassen, es eigentlich schon nahe liegt, dass irgend etwas nicht stimmt. Ich glaube, dass in Zukunft andere Trennlinien wichtiger sein werden. Die sozialen Konflikte der Zukunft werden eher innerhalb der Generationen als zwischen den Generationen stattfinden. Ich habe die Erben schon erwähnt. Die Konflikte zwischen Einheimischen und Zuwanderern – in einer alternden Gesellschaft, die Zuwanderung braucht –, zwischen Familien und Kinderlosen usw. werden meiner Meinung nach zunehmen.
Sicher ist, dass Verteilungsfragen wichtiger werden, aber der Konflikt der Zukunft findet nicht unbedingt zwischen Jungen und Alten statt. Ich glaube, es gibt einen ganz einfachen Grund dafür, warum sich diese Vorstellung vom massiven Generationenkonflikt trotzdem so hartnäckig hält. Das liegt wohl daran, dass wir ein falsches Bild sowohl vom Alter als auch von der Jugend haben, weil wir die Jugend als Lebensphase von Individualität verstehen und im Gegensatz dazu sehr pauschal von den Alten oder den Rentnern sprechen. In Wahrheit ist es doch genau umgekehrt. Teenager haben oft einen hohen Konformitätswunsch, sie wollen unbedingt die gleichen Klamotten tragen, die gleiche Musik hören, die gleichen Frisuren haben wie ihre Freunde und fühlen sich unwohl, wenn sie nicht zur Gruppe passen. Im Alter dagegen erlangt man eher so eine Art innere Souveränität. Dies ist auch das Produkt der Jahre und Jahrzehnte, also der Art und Weise, wie man in den Jahrzehnten davor gelebt hat. Der Berliner Altersforscher Paul Baltes, der eben schon erwähnt wurde, verwendet dafür immer ein, wie ich finde, sehr anschauliches Bild. Er spricht von einem Klassentreffen und sagt, wenn man eine Gruppe von 15-Jährigen auf einem Haufen hat, sieht man sofort, wie alt die sind. Bei einer Gruppe von 65-Jährigen sehen einige so aus, als hätten sie den Vater mitgebracht und andere, als wäre der Sohn dabei.
Herrschaft der Alten, Diktatur der Jungen, mir sind diese Szenarien zu fatalistisch. Auch weil sie eines vergessen lassen, was mir in der Demographiedebatte sehr wichtig ist. Einerseits lassen sich viele Trends heute prognostizieren, die Alten von morgen sind ja schon auf der Welt. Andererseits ist es aber auch nicht so, als ob wir nichts an der aktuellen Situation ändern könnten. Bis die für die Entwicklungen hinsichtlich Rente, Gesundheit usw. wirklich bedrohlichen Jahre eintreten, sind immer noch 10 – 15 Jahre Zeit, und es liegt auch wirklich an uns allen selbst, ob wir bis dahin einen Krieg der Generationen oder ein kooperatives Miteinander leben werden. Da ich hier ganz bewusst auch als Vertreterin der Alten von morgen eingeladen bin, möchte ich noch ein Thema ansprechen, das gerade die mittlere Generation sehr beschäftigen sollte, vielleicht sogar die Frauen noch ein bisschen mehr als die Männer.
In Deutschland wird im Moment sehr viel über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geredet. Das ist auch unbestritten ein wichtiges Thema, gerade in der Demographiedebatte. Es lässt jedoch ein wenig in den Hintergrund treten, dass die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf eine mindestens ebenso große Herausforderung in der alternden Gesellschaft sein wird. Unsere Vorstellung davon, wie Pflege funktionieren soll, stammt noch aus der Zeit funktionierender Großfamilien, und in vielen Bereichen funktioniert das ja auch immer noch. Da lebt die Schwiegertochter oder die Tochter häufig im gleichen Ort, oft sogar im gleichen Haus wie die pflegebedürftigen Eltern, kann sich um sie kümmern, die Kinder sind aus dem Haus, dann ist die Pflege der Älteren dran, usw. Ich glaube, die nachrückenden Generationen brauchen andere Modelle von Pflege, denn die Debatten, die wir im Moment über die Pflegeversicherung führen, z.B. höhere Beiträge für Kinderlose, Kapitaldeckung usw., tangieren diese Probleme überhaupt nicht. Einer berufstätigen Managerin, die ihren Vater in Hamburg pflegen will und selbst in München wohnt, ist nicht damit gedient, dass die Pflegeversicherung 50 Euro mehr im Monat zahlt: sie braucht einen flexiblen Arbeitgeber.
Da können wir von den Vereinigten Staaten einiges lernen. Dort ist es relativ selbstverständlich, dass man Auszeiten für die Pflege von Angehörigen nehmen kann wie auch für die Kinderzeiten, dies nicht unbedingt bezahlt, aber es gibt diesen Anspruch, es gibt diese Selbstverständlichkeit, selbst im wirtschaftsfreundlichen liberalen Amerika. Dort gibt es auch ein höheres Verständnis dafür, dass die Pflege von Angehörigen eine für die Gesellschaft extrem wichtige und auch menschlich sehr schwierige Aufgabe ist, die Unterstützung von allen verlangt. Und deswegen – gerade weil wir in Deutschland versäumt haben, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf frühzeitig zu thematisieren, weil die Betreuungssituation für Kinder nicht so gut ist, und weil wir vielleicht auch deswegen diese Probleme mit dem demographischen Wandel haben, über die wir heute sprechen – gerade deshalb wären wir gut beraten, jenes andere Thema beizeiten zu entdecken und zu berücksichtigen.
Ich habe eben das Vorbild Amerika schon angesprochen. In Amerika heißt es: „Babyboomer sind die Leute, die erst ihren Eltern auf die Nerven gingen und demnächst ihren Kindern.“
Demnächst, das ist der Zeitraum, in dem die unmittelbar nach dem Krieg geborene Generation von Bill und Hilary Clinton, von Steven Spielberg und Meryl Streep allmählich in Rente geht. Nach den offiziellen Statistiken der amerikanischen Regierung wird es bis zum Jahr 2035 ungefähr 70 Millionen Menschen in den USA geben, die älter als 65 sind. Das sind etwa 30% mehr als heute, ein wenig mehr als die Einwohnerzahl der alten Bundesrepublik. Man könnte insgesamt leicht auf die Idee kommen, dass die Vereinigten Staaten kein guter Ort zum alt werden sind. Es ist das Land von Jugendkultur und Jugendwahn, aus Amerika kommen Antiaging-Kuren, der Faltenkiller Botox und die Schönheitschirurgie. Doch die jüngeren Alten aus der Generation von Bill und Hilary haben ihren deutschen Altersgenossen zweierlei voraus – und deswegen glaube ich, dass es in Amerika teilweise wirklich leichter ist alt zu werden als hierzulande, und wir können da einiges lernen.
Was haben sie voraus?
Zum einen die Masse. Die Babyboomer sind die mit großem Abstand stärkste Generation der amerikanischen Geschichte. Weil es so viele Babyboomer gibt, haben sich die Demographen einen hübschen Begriff ausgedacht, sie sprechen nämlich von „Pig in the Python“, vom Schwein in der Python. Wenn man sich das anschaulich vorstellt, ist es, als ob zwei eigentlich parallele Geraden sich verlaufen, und dann gibt es eine Art Berg der Babyboomer, der von Jahr zu Jahr ein Stückchen weiterwandert und die amerikanische Kultur in vielerlei Hinsicht prägt. Die Masse nämlich, verbunden mit dem relativ großen Wohlstand dieser Generation, hat sich längst viel stärker als in Deutschland auf die Welt der Werbung, der Medien und des Konsums ausgewirkt. Die Produktmanager, die Modellagenturen, die Zeitungsmacher und die Drehbuchschreiber haben diese finanzkräftige Zielgruppe schon viel länger ausgemacht, und so ist zwar einerseits der Jugendkult sehr ausgeprägt, andererseits findet längst die Gegenbewegung statt. Auf den großen Litfaßsäulen in New York plakatierte die Textilkette Gap Models mit grauen Haaren und Falten, lange bevor es in deutschen Medien oder in deutschen Städten zu sehen war. Auflagenstarke Nachrichtenmagazine veröffentlichen Titelgeschichten über die Tücken der Menopause. Und im Blockbuster „Was das Herz begehrt“ – einige von Ihnen werden ihn gesehen haben, einer der großen Kinoerfolge des Jahres 2004 – lässt ein von Jack Nicholson gespielter älterer Playboy seine jüngere Freundin zugunsten einer gleichaltrigen Dame im Stich, und das war auch ein Riesenkinoerfolg. Man sieht, die Babyboomer erobern ihr Terrain zurück.
Der zweite große Vorteil dieser amerikanischen Jahrgänge zwischen Mitte 50 und Mitte 60 ist das Etikett „Babyboomer“. An diesen Begriff sind die geburtenstarken Jahrgänge gewöhnt. Er wurde schon verwendet, als diese Gruppe noch in Woodstock feierte und Plateausohlen trug. Es gab so etwas wie eine gemeinsame Identität, die vor allem in den 70ern geprägt wurde, ganz egal übrigens, wo man damals stand und wie man sich verhielt, aber man schämt sich nicht dafür Babyboomer zu sein. Das wiederum macht es leichter, gemeinsame Interessen zu artikulieren, auch gemeinsam Trends, Stimmungen usw. nachzugeben. In Deutschland ist die Lage etwas komplizierter. Der Geburtenboom begann erst Mitte der 50er Jahre und die 68er sind bei uns nun eben nicht die geburtenstarken Jahrgänge. Das Etikett steht auch nicht für eine Altersgruppe, sondern eher für ein politisches Profil. Deswegen hantieren die Werber – viele von Ihnen werden damit zu tun haben – sehr unbeholfen mit Begriffen wie „Bestagers, Masterconsumers, Woopies (well-off older people) oder sogar Kukidents“ um diese finanzkräftige Altersgruppe anzusprechen und Begriffe wie „Alte“ und „Senioren“ nicht zu verwenden. Ganz ehrlich, wer nennt sich schon gerne Kukident?
Es fehlt so etwas wie eine gemeinsame Identität, ein gemeinsamer Begriff – und daran liegt es, dass in Deutschland die Alten immer noch die anderen sind.
Zum Schluss würde ich Sie gerne noch zu einem Gedankenexperiment verführen. Um die Frage zu beantworten, wovor wir eigentlich Angst haben, oder wenn wir uns Sorgen machen über den demographischen Wandel, bei welchen Aspekten es sich lohnt und bei welchen nicht. Stellen wir uns also für einen Moment vor, eine Stadt wie Nürnberg würde über Nacht die Hälfte ihrer Einwohner verlieren. Alle Häuser, Schulen, Autos, Bäume und Parkplätze blieben stehen, nur die Hälfte der Menschen wäre plötzlich verschwunden. Was wäre die ökonomische Konsequenz? So zynisch es klingen mag, das Pro-Kopf-Einkommen der Überlebenden würde zunächst mal deutlich steigen. Rein rechnerisch könnte jeder Nürnberger plötzlich über die doppelte Zahl an Kühlschränken, Fernsehern und Wohnfläche verfügen, hätte mehr Geld und Platz und würde auf dem Weg zur Arbeit nicht so lange im Stau stehen.
Ich weiß natürlich, dass da auch ganz andere Effekte hinzukommen, dass die gleiche Infrastruktur von weniger Leuten finanziert werden muss, Arbeitgeber verschwinden usw., aber das soll ja auch nur ein Gedankenexperiment sein. Das Beispiel kann zeigen, dass eine Gesellschaft durch den Rückgang ihrer Bevölkerung nicht automatisch ärmer wird, im Gegenteil. Zunächst mal verfügen weniger Menschen über mehr Ressourcen, manchmal auch über mehr Zeit, wenn Eltern z.B. nicht 3 oder 4 Kinder, sondern ein Einzelkind erziehen, können sie ihrem Nachwuchs theoretisch mehr Aufmerksamkeit, Zeit und eine bessere Ausbildung ermöglichen. Das ist kein Plädoyer für das Einzelkind. Es geht mir hier nicht um die Frage von Sozialverhalten und wie es sich erlernen lässt, sondern um die unmittelbaren ökonomischen Folgen einer stagnierenden oder rückläufigen Bevölkerung. Und diese Folgen – das soll das Beispiel zeigen – sind ein bisschen vielfältiger als die öffentliche Debatte im Moment vermuten lässt.
Dass der Wohlstand eines Landes durch seine sinkende Einwohnerzahl gefährdet wird, ist sowieso historisch eine vergleichsweise neue Sicht der Dinge. Die Geschichte lehrte meistens eher das Gegenteil. Ein besonders drastisches Beispiel sind die Pestepidemien des ausgehenden Mittelalters. Ganze Landstriche wurden damals entvölkert, Hunderttausende starben und das führte letztlich dazu, dass sich Grundstücke und Ackerflächen auf weniger Köpfe verteilten, pro Person mehr Kapital gebildet wurde und der Lebensstandard stieg. Wirtschaftshistoriker haben die Pest im Nachhinein deshalb als eine der Voraussetzungen für die Entstehung des Frühkapitalismus bezeichnet, und Ökonomen haben später oft ähnlich argumentiert. Schnell wachsende Bevölkerungen galten als Gefahr für den Wohlstand eines Landes. Und tatsächlich sind junge kinderreiche Gesellschaften bis heute meistens arm, Länder wie Bangladesh oder Indien sind Beispiele dafür.
Deshalb ist sicher, dass der Zusammenhang nicht einseitig ist. Über die Probleme des Alters wissen wir viel, darüber werden wir heute noch mehr sprechen. Der Rückgang der Bevölkerung ist ein sehr ambivalentes Phänomen, das – wenn es so schnell passiert wie in den neuen Bundesländern – ganz viele Probleme für Infrastruktur, für Stadtplanung usw. mit sich bringt. Wenn er sich aber so schleichend vollzieht, wie das in Gesamtdeutschland in den kommenden 10, 15, 20 Jahren sein wird, gibt es durchaus Anpassungsmöglichkeiten. Allerdings müssen wir auf die Tatsache, dass die Menschen weniger Kinder haben und wir im Prinzip mehr Kapital bilden können, auch angemessen reagieren – individuell, aber auch gesellschaftlich – und das bedeutet meines Erachtens vor allem, in die Jüngeren zu investieren.
Eigentlich müsste die Gesellschaft das, was sie spart, viel stärker in Bildung, in Kinderbetreuung, also in Zukunftssicherung investieren. In der aktuellen Debatte wird vor allem darüber gesprochen, dass in Deutschland mehr Kinder geboren werden müssen. Das ist sicher richtig, aber nur zum Teil. Es muss auch darum gehen, mehr Chancen für die Kinder, die auf der Welt sind, zu ermöglichen. Ich wünsche mir eigentlich einen Akteur, der ein Plakat aufhängt „Deutschland braucht dieses Kind, oder dieses Kind braucht Deutschland“ mit beiden Bedeutungen, die der Akkusativ in der deutschen Sprache zulässt. Der dänische Soziologe GØsta Esping Andersen hat diese Einsicht sehr treffend auf den Punkt gebracht. Er sagt: „Junge Gesellschaften, wie z.B. die Bundesrepublik der Nachkriegszeit, müssen sich sehr stark um die Alten kümmern – alternde Gesellschaften, was wir heute sind und demnächst sein werden, müssen sich besonders intensiv um die Jungen kümmern.“
Herzlichen Dank!